Uwe Frank, Geschäftsführer Siemens Motion Control Systems
mav: Wie haben sich die Geschäfte in Ihrer Sparte seit dem Aufschwung entwickelt?
Frank: Wir liegen mittlerweile über dem Spitzenniveau von 2008 und fahren wieder volle Kapazitätsauslastung.
mav: Und doch herrscht Unsicherheit, wie es weitergeht. Wie gehen Sie damit um?
Frank: Wir haben auf dem Weg durch die Krise in besonderem Maße auf die Partnerschaft zu unseren Kunden als Grundpfeiler gesetzt. Gleichzeitig haben wir auch die Zeit zur gemeinsamen Entwicklung neuer Konzepte und für neue Impulse genutzt. Aber die Werkzeugmaschinenindustrie – und natürlich auch unsere Ausrüstung dafür – ist generell ein zyk- lisches Geschäft, und Flexibilität ist da immer angesagt.
mav: In welchem Maße sind Sie ihrerseits von Zulieferern abhängig?
Frank: Selbstverständlich produzieren wir viele der Komponenten, die wir einsetzen, nicht selber. Deshalb ist die Aussteuerung der gesamten Zuliefererpipeline von zentraler Bedeutung für uns. Während der Krise wurde der Markt heruntergefahren, und die Lager waren leergefegt. Entsprechend schwierig war es dann, den darauffolgenden Aufschwung zu gestalten. Zumal die Krisensituation in Japan die ganze Lieferkette noch zusätzlich belastet hat. Aber wir sind insgesamt sehr gut durchgekommen.
mav: Haben Sie im aktuellen Aufschwung Marktanteile gewonnen?
Frank: Eindeutig ja. Die Sinumerik-828D-Steuerung, die wir vor zwei Jahren eingeführt haben, schlägt sehr gut ein: im Mid- range-Bereich, in Job-shop-Anwendungen, im asiatischen Maschinenmarkt. Aber auch in unserem traditionellen Segment der Hochtechnologieprodukte für den europäischen Maschinenbau konnten wir die Kundenbasis nochmals verstärken und ausbauen.
mav: Eine der beiden neuen Einstiegsvarianten der 828D, die 828D Basic M, wurde bezeichnenderweise in China gelauncht. Ist die 828D die Siemens-CNC für Asien?
Frank: Die 828D ist keineswegs nur für den asiatischen Markt gedacht. Sie ist nur in Asien und in den BRIC-Staaten schneller angenommen worden als in Europa. Aber auch hierzulande wächst das Interesse stark. Die Steuerung eröffnet zusätzliche Anwendungsgebiete, etwa im Werkzeug- und Formenbau, und das schlägt sich nieder. Die Basic-Versionen allerdings gehen funktional nochmals eine Stufe runter und adressieren wirklich ein Segment, in dem Europa nicht der Hauptmarkt ist. Darum haben wir die 828D Basic M auch ganz bewusst in China vorgestellt.
mav: Haben Sie dort auch Fertiger von Consumerelektronik-Komponenten à la Foxconn im Blick, die gleichartige Maschinen in großer Zahl beschaffen?
Frank: Gerade im Bereich der Gewindebohrzentren, und auch speziell bei Foxconn, sind wir mit der 828D sehr erfolgreich. Wir haben unsere ursprünglich geschätzten Stückzahlen um mehr als das Dreifache übertroffen.
mav: Auch die 840D sl bieten Sie jetzt in einer Basic-Variante mit reduziertem Funktionsumfang an. Woher kam da die Nachfrage?
Frank: Bei Anwendungen mit beschränkter Achszahl kann ich mit kombinierten An- triebspaketen arbeiten, und daraus ergibt sich ein Kostenvorteil. Das war die wesentliche Idee. Dagegen geht es bei der 828D eher um robuste Gehäuse, kleinere Bildschirme und einfachere Bedienoberflächen, die auf weniger gut ausgebildete Anwender zugeschnitten sind.
mav: Wird die 828D längerfristig Ihre meistverkaufte Steuerung werden?
Frank: Nun ja, wir haben ja mit der 802D sl auch ein noch kleineres System, das in den europäischen Märkten relativ wenig zu sehen ist. Auch dieses System werden wir innovieren, so dass wir kontinuierlich drei Systemebenen anbieten. Sicher werden die 802 und die 828 in ihren Varianten die großen Stückzahlträger. Allerdings handelt es sich bei ihnen auch um deutlich einfachere Systeme als bei der 840D sl, die unsere zentrale Systemplattform bleibt. Highend-Technologie, Innovation und Integration – das sind die Felder, über die sich der europäische Maschinenbau differenzieren und seinen Vorsprung ausbauen kann. Andererseits ist für den europäischen Maschinenbau aber auch der Export nach Asien sehr wichtig, und dies setzt voraus, dass die entsprechende Steuerung dort Akzeptanz findet. Deshalb müssen wir gleichwertig in beide Dimensionen denken.
mav: Der Trend zu schnellerer Produktentwicklung fordert die Maschinenhersteller. Unterstützen Sie sie bei der Implementierung neuer Funktionen auf Steuerungsebene?
Frank: Wir bieten das ganze Spektrum an Unterstützung an, natürlich auch in Bezug auf bestimmte Funktionen im Steuerungsbereich. Aber viel wichtiger für den Maschinenbauer ist die Prozesskette: Wie komme ich zu einem neuen Maschinendesign? Hier können wir ihm helfen, durch Simulation Zeit zu sparen, weniger Prototypen bauen zu müssen, und so weiter.
mav: Gibt es Segmente im Maschinenbau, die für Siemens nicht interessant sind?
Frank: Eher nein, wir bieten mit unserer Systemplattform ein sehr offenes und leistungsfähiges System. Damit können wir viele Technologien abdecken. Die Laserbearbeitung oder ganz neu, das Tapelaying und die Composite-Bearbeitung stellen auch einige unserer Kernthemen dar.
mav: Die Zuverlässigkeit der Steuerungen war in der Vergangenheit ein Punkt, an dem Siemens Nachholbedarf hatte. Haben Sie mittlerweile zu Ihrem großen Wettbewerber Fanuc aufgeschlossen?
Frank: Zuverlässigkeit und Qualität sind zentrale wichtige Themen. Wir haben hier mit der Einführung neuer Plattformen bei Motoren, Antrieben und Steuerungen einen sehr hohen Standard erreicht. Darauf sind wir stolz, arbeiten aber täglich weiter daran.
mav: Energieeffizienz ist auch bei Siemens ein wichtiges Innovationsziel. Handelt es sich dabei immer noch um einen herstellergetriebenen Trend, oder kommt inzwischen auch Druck von Seiten der Käufer?
Frank: Es gibt Branchen wie beispielsweise die Nahrungsmittelindustrie, die sich Themen wie Nachhaltigkeit ganz gezielt zu eigen machen und als Image-Bestandteil aufbauen. Ähnlich sieht es in der Automobilindustrie aus: Dort gewinnt Energieeffizienz sowohl in der Produktion als auch beim Produkt essenzielle Bedeutung.
mav: Aber in der Produktionstechnik muss Energieeffizienz mit stabilen Prozessbedingungen in Einklang stehen. Wird da nicht noch mancher Lehrgeld bezahlen müssen?
Frank: Das sehe ich nicht als gravierendes Problem. Wir haben mit Control-Energy für Sinumerik als erster und einziger einen Werkzeugkasten geschaffen, der diese Komplexität beherrschbar macht. Wir wollen die Anwender in die Lage versetzen, die Situation richtig bewerten zu können und daraus die richtigen Schritte abzuleiten.
mav: In der Prozesskette sind Sie recht komplett aufgestellt – von der PLM-Software über CAD/CAM, Werkzeugverwaltung bekommt man alles aus einer Hand. Wie viele Kunden folgen Ihnen mit diesem Ansatz?
Frank: Das Argument der Durchgängigkeit hat in den vergangenen Jahren an Gewicht gewonnen. Einige starke Maschinenbauer wie DMG oder Index marschieren da voran, und daraus entwickeln sich Impulse. Aber man muss natürlich bedenken, dass wir hier nicht auf der grünen Wiese beginnen, und wer diesen Weg gehen will, der braucht eine gewisse Zeit für die Umstellung. Das stellt schon eine Hürde dar.
mav: Zumal die Ablösezyklen in der Industrie vergleichsweise lang sind ...
Frank: Klar. Wenn man komplett auf NX und Teamcenter umstellt, wie Daimler es aktuell tut, dann bedeutet das weitreichende Konsequenzen auf die gesamte Prozesskette und viele Arbeitsabläufe. Auf der anderen Seite eröffnen sich durch die Durchgängigkeit letztlich erhebliche Produktivitätspotenziale. Das wird auch zunehmend in anderen Industriezweigen erkannt.
„Wir haben nach der Krise Marktanteile gewonnen"
Das Interview führte Dr. Frank-Michael Kieß
