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Jörg Oskar Maier, Geschäftsführer Gressel AG

Jörg Oskar Maier, Geschäftsführer, Gressel AG
Jörg Oskar Maier, Geschäftsführer, Gressel AG
Maier: „70 Prozent der Werkzeugmaschinen werden mittelfristig für 5-Seiten-Bearbeitung ausgelegt sein
Maier: „70 Prozent der Werkzeugmaschinen werden mittelfristig für 5-Seiten-Bearbeitung ausgelegt sein"
Der 5-Achs-Spanner Grepos-5X – hier montiert auf ein mechanisches Nullpunktspannsystem Gredoc – wurde dediziert für die 5-Seiten-Komplett/Simultan-Bearbeitung entwickelt
Der 5-Achs-Spanner Grepos-5X – hier montiert auf ein mechanisches Nullpunktspannsystem Gredoc – wurde dediziert für die 5-Seiten-Komplett/Simultan-Bearbeitung entwickelt
Mit den Modellen P8/P10 stellt Gressel seinem P60-Werkstückspeicher kostengünstigere Varianten zur Seite
Mit den Modellen P8/P10 stellt Gressel seinem P60-Werkstückspeicher kostengünstigere Varianten zur Seite
Mit Fokus auf Innovation hat Geschäftsführer Jörg Oskar Maier den Schweizer Spannmittelhersteller Gressel neu aufgestellt. Neuheiten wie ein dedizierter 5-Achs-Spanner, ein kostengünstiges mechanisches Nullpunktspannsystem und clevere Werkstückspeicherlösungen tragen ihren Teil dazu bei, dass die Aadorfer aktuell mit dem Produzieren kaum nachkommen.

mav: Sie haben 2008 sieben Millionen Franken in den Ausbau Ihrer Fertigung investiert – unter anderem in eine neue Fertigungshalle, ein Starrag-Bearbeitungszentrum und ein umfassendes Automationssystem. Und dann hat Sie die Krise kalt erwischt. Wie haben Sie das überlebt?

Maier: Die wertschöpfenden Ressourcen wurden dem Umsatz angepasst, Innovation wurde im Auftrag des Verwaltungsrates unverändert vorangetrieben. Die Eigentümerfamilie hat uns diese Kontinuität ermöglicht.

mav: Ernten Sie jetzt die Früchte?

Maier: Im Vergleich zu 2009 haben wir unser Geschäft verdoppelt und liegen jetzt fast wieder auf dem Niveau von 2008. Einziger Wermutstropfen ist die Euro-Schwäche, die unseren Ertrag mindert. Das schmerzt uns sehr.

mav: Was tun Sie, wenn das Wechselkursproblem weiter anhält?

Maier: Wir haben gewisse Szenarien formuliert. So wollen wir alle Rohmaterialien möglichst in Euro beschaffen, ebenso die Maschinen. Auch externe Fertigungsaufträge geben wir momentan nach Deutschland.

mav: Vor Ihrem Einstieg bei Gressel haben Sie das Unternehmen lange Jahre beraten, unter anderm im Bereich Innovationsmanagement. Was haben Sie zu Beginn vorgefunden, und welche Änderungen haben Sie eingeleitet?

Maier: Vorgefunden habe ich eine Innovationspipeline mit insgesamt elf Innovationsprojekten. Die vielen Projekte haben den Innovationsmotor völlig lahmgelegt. Man wusste nicht, was man zuerst anpacken soll und mit welchen Ressourcen, und so hat man alles wie eine Bugwelle vor sich hergeschoben. Wir haben zunächst im Portfolio aufgeräumt und analysiert, was wirklich wichtig ist und Ertrag bringt. Anschließend haben wir dann eins nach dem anderen umgesetzt.

mav: Was hat sie letztendlich motiviert, als Geschäftsführer bei Gressel einzusteigen?

Maier: Nach sieben Jahren Beratungstätigkeit sind mir Unternehmen und Mitarbeiter ans Herz gewachsen. Wir haben dann auch die großen Investitionsprojekte definiert, und es hat mich natürlich gereizt, nicht nur die „bunte Powerpoint-Präsentation" auszuarbeiten, sondern das Ganze dann auch umzusetzen.

mav: Sie stellen Innovationskraft als eine Qualität von Gressel heraus. Wie hoch ist denn die Innovationsbereitschaft in ihrem Marktsegment?

Maier: Die Anwender denken im Bereich Spanntechnik leider eher traditionell und wollen kaum Veränderungen. Es gibt namhafte Mitbewerber, die in den vergangenen Jahren wenig Innovation betrieben haben, aber trotzdem noch gut unterwegs sind. Wir versuchen, über niedrigere Rüstzeiten und Kosteneinsparungen dagegen zu argumentieren.

mav: Wie können Sie das Innovationstempo halten?

Maier: Innovation ist in der Firma Gressel auf der obersten Stufe verankert. Gleichzeitig arbeitet man im Team Ideen aus und selektiert diese gemeinsam. Es werden auch vielversprechende Ideen verfolgt, welche nicht unmittelbar zu einem Ertrag führen. Wichtig ist auch das Bewusstsein, dass nicht jede Innovation erfolgreich am Markt ist.

mav: Auf welche Messen arbeiten Sie in Ihrer Produktentwicklung hin?

Maier: Die AMB ist für uns die Messe schlechthin. Die Prodex steht eher in ihrem Schatten: Dort kommen zwar viele Schweizer Kunden, die aber alles schon auf der AMB gesehen haben. Auch die EMO hat für uns eine gewisse Bedeutung, wenn sie in Deutschland stattfindet.

mav: Werden wir Neuheiten von Gressel auf der EMO in Hannover sehen?

Maier: Neue Spannprodukte nicht, aber unsere neue Internet-Plattform lancieren wir zur EMO. Dort gibt es unter anderem eine Auswahlmatrix, die den Kunden auf einfache Weise zum geeigneten Spannmittel führt.

mav: Auf der AMB 2010 haben Sie ein dediziertes 5-Achs-Spannsystem namens Grepos vorgestellt. Welche Besonderheiten heben es vom Wettbewerb ab?

Maier: Während es sich bei anderen Produkten eher um von klassischen NC-Spannern abgeleitete Notlösungen mit erhöhten Backen oder halbe Vorrichtungen handelt, ist Grepos ein richtiger 5-Achs-Spanner. Kombiniert mit dem Alleinstellungsmerkmal der Kraftkassette, der optimalen Zugänglichkeit und der Teleskopspindel, bei der nichts übersteht, auch nicht nach hinten. Hinzu kommt die Präzision: Wir haben eine minimale Abhebung vom Werkstück, selbst bei vier Tonnen Spannkraft, weil Spindel und Einspannstelle so nahe beieinander liegen.

mav: Wie ist die Nachfrage?

Maier: Sehr gut, wir kommen fast nicht hinterher mit produzieren.

mav: Ist 5-Achsbearbeitung ein Trend, den Sie bei der Spannmittelnachfrage feststellen können?

Maier: Eindeutig ja. Wir gehen davon aus, dass mittelfristig 70 Prozent der Werkzeugmaschinen 5-Achs-Ausrüstung oder zumindest 5-Seiten-Bearbeitung anbieten werden – aktuell sind es rund 30 Prozent.

mav: Was hat Sie dazu bewogen, ein eigenes Nullpunktspannsystem zu entwickeln? Da gibt es doch schon einige auf dem Markt.

Maier: Bei angetriebenen Systemen gibt es in der Tat genügend Anbieter. Aber ein einfaches, günstiges mechanisches System ergänzt unsere Produkte ideal und hebt auch deren Vorteile hervor – die Spannung auf Zug ohne Belastung des Grundkörpers.

mav: Wie hat der Markt das neue, mechanische Nullpunktspannsystem aufgenommen?

Maier: Sehr gut. Das System kann auch an bestehenden Spannmitteln mit einer kleinen Nacharbeit nachgerüstet werden. Wenn ein Anwender die Vorteile erkannt hat, wird er zu einem überzeugten Anwender.

mav: Und die Vorteile sind?

Maier: Das Hauptargument neben dem einfachen Handling ist die Wirtschaftlichkeit. Zum Beispiel hat sich eine Investition in vier Gredoc-Rund-Module nach drei Monaten bei nur einmal Rüsten am Tag amortisiert.

mav: Wie sieht Ihre Strategie im Hinblick auf hydraulische oder elektrische Spanntechnik aus?

Maier: Uns ist klar, dass wir für den Bereich Direktbeladung ein intelligentes Spannmittel brauchen. Wie dieses angetrieben wird, möchte ich noch offen lassen. Wir arbeiten an unterschiedlichen Konzepten. Klar ist, dass es sich um ein komplexes System mit verschiedenen Überwachungs-, Anzeige- und Auswertungsmöglichkeiten handeln wird. Der Nachteil für uns als Hersteller ist, dass man dann nur noch ein Spannmittel in der Maschine braucht. Darum verfolgen wir auch den anderen Weg mit Werkstückspeichern weiter.

mav: Was hat Gressel bewogen, einen eigenen Werkstückspeicher zu entwickeln?

Maier: Wir hatten den Centrinos-Zentrischspanner mit Palettisiermöglichkeiten entwickelt, fanden aber keinen Absatzkanal. Denn alle existierenden Anbieter von Werkstückspeichern arbeiteten entweder schon mit anderen Partnern zusammen oder hatten ihre eigenen Spannmitel im Programm. Deshalb haben wir mit dem Werkstückspeicher P60 eine eigene Lösung entwickelt.

mav: Woher kam die Kompetenz für die Automatisierung?

Maier: Wir haben mit einem Schweizer Partner zusammengearbeitet. Die Firma verfügt über viel Know-how im Bereich Direktbeladung und Automationssoftware.

mav: Wie wird die Produktlinie weiterentwickelt?

Maier: Wir haben jetzt als Ergänzung die Werkstückspeicher P8 und P10 auf den Markt gebracht. Sie sind für größere Teile, längere Bearbeitungszeiten und geringere Investitionskosten konzipiert.

mav: Ist China ein Markt für Gressel?

Maier: China ist absolut ein Markt für Gressel. Wir sind dort über europäische Maschinenhersteller präsent, mit denen wir Sonderlösungen erarbeiten, die dann als Komplettpaket nach China gehen.

„Wir haben unser Geschäft gegenüber 2009 verdoppelt"

Das Interview führte Dr. Frank-Michael Kieß

08.09.2011


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