Andreas Evertz,Vorstandsvorsitzender Walter AG
mav: Einfach haben Sie es sich ja nicht gemacht mit Ihrem Eintrittstermin bei Walter. Ein halbes Jahr nach Ihrem Start, dürften alle Planungen von der Krise über den Haufen geworfen worden sein, oder?
Evertz: Das stimmt nur zum Teil. Als Vorstand Forschung und Technik gehörte es zu meinen Hauptaufgaben, die Innovationsrate bei Walter zu steigern, um unserem Anspruch als Kompetenzführer auch zukünftig gerecht zu werden. Diese Zielsetzung hatte sich durch die Krise ab September 2008 nicht verändert.
mav: Es gab aber auch das Ziel, in 2010 ein Umsatzziel von einer Milliarde Euro zu erreichen.
Evertz: Bezogen auf das unternehmsweite Projekt „1 B 10", also im Jahr 2010 einen konzernweiten Umsatz von einer Milliarde zu erreichen, haben Sie Recht. Der Umsatzeinbruch ab Oktober 2008 war gravierend und hat dazu geführt, dass wir uns dafür nun ein paar Jahre mehr Zeit nehmen. An dem Ziel selber halten wir aber nach wie vor fest.
mav: Ein fester Bestandteil der Wachstumsstrategie ist auch die Akquisition eines weiteren Werkzeugherstellers. Wollen Sie damit die Walter-Präsenz in einer bestimmten Region verbessern oder eine Technologie im Unternehmen stärken?
Evertz: Es wird eher um die Positionierung von Walter in einer Region gehen.
mav: Haben Sie denn schon ein bestimmtes Unternehmen im Auge?
Evertz: Nein, wir werden erst aktiv, wenn wir einen Kandidaten gefunden haben, der wirklich gut zu uns passt. Wir wollen auch nicht um des Wachstums willen wachsen. Auch die angesprochene Umsatzmilliarde ist kein Ziel an sich. Unser Ziel ist es, die Kompetenzführerschaft zu behaupten und auszubauen. Und da sind wir, denke ich, auf einem sehr guten Weg.
mav: Ist Ihre jüngste Initiative „Walter Multiply" Teil dieser Strategie?
Evertz: Ja, auf jeden Fall. Walter Multiply bringt zum Ausdruck, dass wir mit jedem Kunden partnerschaftlich zusammenarbeiten wollen, um gemeinsam ein optimales Resultat zu erzielen.
mav: Was genau verbirgt sich denn hinter dem Begriff „Multiply"?
Evertz: Walter Multiply ist die neue Kompetenzmarke von Walter, die mit einem mehrstufigen Serviceprogramm technisches Know-how bereichsübergreifend transferiert, vorhandene Kompetenzen ausbaut und sämtliche Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität bündelt.
mav: Das klingt doch ein wenig, als wäre es nur wieder ein weiterer Versuch, den Service zum Produkt zu machen. Einen Service, den Kunden bislang oft als kostenlose Leistung einfordern.
Evertz: Was wir unseren Kunden bieten möchten, ist Mehrwert entlang der Wertschöpfungskette. Walter Multiply steht somit als Kompetenzmarke für eine völlig neue Qualität von vernetzten, kundenspezifischen Maßnahmenpaketen. Die vier Bereiche Services für den Planungsbereich, für Produktion & Logistik, für Instandhaltung und für Trainings sind modular aufgebaut und weltweit standardisiert. Sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung in der Entwicklung und Produktion von Werkzeugsystemen.
mav: Wie werden die Multiply-Dienstleistungen bislang von den Kunden angenommen?
Evertz: Obwohl dieses Angebot noch recht neu im Markt ist, haben wir bereits in allen vier Multiply-Bereichen Aufträge. In der Krise wurden Kapazitäten abgebaut, auch personell, umso größer ist jetzt der Druck in vielen Unternehmen, die Fertigung zu optimieren. Da kommen wir mit unserem umfassenden Service genau richtig.
mav: Richten sich die Angebote vor allem an größere Betriebe?
Evertz: Nein, Walter Multiply ist vollkommmen flexibel und daher für jeden Zerspaner interessant. Auch für kleine Lohnfertiger. Gerade für kleinere Betriebe ist die Investition in Personal keine leichte Entscheidung. Walter Multiply bietet hier Lösungen, um Kapazitätsengpässe zu überbrücken.
mav: Welche Veränderungen sehen Sie aktuell in den für Walter wichtigen Marktsegmenten?
Evertz: Technologisch betrachtet sehe ich aktuell keine gravierenden Veränderungen. Wenn Sie auf das Thema e-Mobility anspielen: Ich gehe davon aus, dass der Anteil reiner Elektrofahrzeuge am Gesamtmarkt mittelfristig gering sein wird. Insofern wird die Menge an Zerspanung im Bereich Automotive in den kommenden Jahren eher mehr. Es mag in Zukunft zunehmend kleinere Motoren geben, gleichzeitig nimmt aber die weltweit verkaufte Stückzahl an Automobilen allein schon durch das Wachstum in China und Indien stark zu.
Was die Verteilung der weltweiten Produktionskapazitäten für Automobile angeht, werden die Veränderungen größer sein. Asien wird immer wichtiger. Als global aufgestelltes Unternehmen reagieren wir auf diese Entwicklung. Wir hatten in den letzten Jahren bereits eine erfolgreiche Verkaufsniederlassung in Wuxi (China). Zusätzlich soll ab 1. März 2011 ein regionales Hauptquartier in Shanghai aufgebaut werden. Ziel ist es, damit die Marktposition von Walter auf dem asiatischen Kontinent zu stärken und weiter auszubauen sowie eine noch größere Kundennähe zu gewährleisten.
mav: Aktuell produziert Walter bereits mit einer kleinen Fertigung Sonderwerkzeuge in China für den chinesischen Markt. Könnten in Zukunft ganze Werke nach China verlagert werden?
Evertz: Nein, auf keinen Fall. Walter ist ein Unternehmen, das aus Deutschland in die Welt gewachsen ist. Wir haben regionale Fertigungsstätten in den USA, in Brasilien, Indien und China, um lokalspezifische Anforderungen zu erfüllen. Es ist aber Teil der Walter Strategie und unseres Selbstverständnisses, unsere Werkzeuge in Deutschland für den Weltmarkt zu produzieren. Schauen Sie sich unsere Wendeschneidplattenfertigung in Münsingen an. Es ist die modernste der Welt mit einer Produktionskapazität, die auf den weltweiten Bedarf ausgelegt ist.
mav: Was unterscheidet Walter von den anderen großen weltweit agierenden Werkzeugherstellern?
Evertz: Ich bin ganz sicher, dass wir mit unseren Marken Titex und Prototyp nicht nur über 350 Jahre Erfahrung in der Herstellung von Werkzeugen verfügen, sondern dass wir auch das kompletteste Werkzeug-Programm aus eigener Produktion anbieten können. Hinzu kommt unsere umfassende Branchenerfahrung mit Spezialisten für die Bereiche Automotive, Luft- und Raumfahrt, allgemeiner Maschinenbau, Railway, erneuerbare Energien und Kraftwerksbau. Ich bin sicher, es gibt keinen anderen Werkzeuganbieter, der das in gleicher Breite und Tiefe bieten kann.
mav: Bei aller Vollständigkeit des Portfolios, wo liegen denn im Moment Entwicklungsschwerpunkte?
Evertz: Besonderes Augenmerk legen wir im Moment auf den PKD-Bereich. Hier wollen wir insbesondere Lösungen für die Luft- und Raumfahrttechnik voranbringen. Außerdem arbeiten wir weiter an unserer Tigertec Silver-Linie. Wir werden die Tigertec Silver-Produkte in Zukunft auch mit PVD-Beschichtungen anbieten. Im Bereich PVD-Aluminium-Oxid-Schichten haben unsere Entwickler einen großen Vorsprung, den werden wir aktuell in neue Produkte umsetzen.
mav: Werden diese neuen Produkte im Herbst auf der EMO vorgestellt, welche weiteren Neuheiten sind geplant?
Evertz: Ja, zum einen werden wir die angesprochene Tiger Tec Silver PVD-Linie präsentieren, zum anderen zeigen wir Neuheiten im Bereich Micro-Drills. Und natürlich wird es einige weitere Neuheiten geben, zu denen ich im Moment noch nichts sagen kann.
mav: Welche Umsatzentwicklung sehen sie für Walter in 2011?
Evertz: Ich gehe von einem Wachstum von über 15 Prozent aus.
mav: Welchen Umsatzanteil trauen Sie denn der neuen Kompetenzmarke „Multiply" zu?
Evertz: Ich rechne damit, dass wir im Bereich Multiply in einigen Jahren ungefähr 20 Prozent des gesamten Walter-Umsatzes erwirtschaften können.
„Wir möchten nicht um jeden Preis wachsen, unser Ziel ist die Kompetenzführerschaft!"
Das Interview führte Holger Röhr
