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Joachim Herberger, Geschäftsführer Yamazaki Mazak Deutschland GmbH

Joachim Herberger, Geschäftsführer Yamazaki Mazak Deutschland GmbH: „In den Lowend-Bereich werden wir nicht einsteigen
Joachim Herberger, Geschäftsführer Yamazaki Mazak Deutschland GmbH: „In den Lowend-Bereich werden wir nicht einsteigen"
Joachim Herberger (rechts) mit Daniel Oltrogge, Geschäftsführer des Vertriebspartners Oltrogge & Co. KG, bei der Präsentation der Integrex J-200 Mitte Juni in Bielefeld. Die Multitasking-Maschine für Einsteiger wird auch auf dem AMB-Messestand von Mazak zu sehen sein (Halle 5 Stand D 12)
Joachim Herberger (rechts) mit Daniel Oltrogge, Geschäftsführer des Vertriebspartners Oltrogge & Co. KG, bei der Präsentation der Integrex J-200 Mitte Juni in Bielefeld. Die Multitasking-Maschine für Einsteiger wird auch auf dem AMB-Messestand von Mazak zu sehen sein (Halle 5 Stand D 12)
Zum 30. Marktjubiläum in Deutschland zeigt Yamazaki Mazak Flagge: Zwei große Technologiezentren in Düsseldorf und Leipzig sind im Bau, und weltweit bringt der Hersteller 2010 nicht weniger als 44 neue Maschinenmodelle an den Start. Welche Entwicklungsschwerpunkte der japanische Werkzeugmaschinen-Gigant dabei setzt, erläutert Deutschland-Geschäftsführer Joachim Herberger.

mav: Mazak ist ein Werkzeugmaschinenhersteller mit starkem Fokus auf Standardmaschinen. Hat Sie die Konjunkturkrise 2009 entsprechend hart getroffen?

Herberger: Wir sind ebenso hart von der Krise getroffen worden wie unsere Marktbegleiter. Das heißt, wir hatten einen Umsatzrückgang von 60 Prozent zu verkraften.

mav: Gibt es Märkte, die sich früh wieder erholt haben?

Herberger: Absolut, wenn Sie etwa nach China oder Brasilien schauen. Auch in den USA ist die Lage schon wesentlich freundlicher als in Europa. Allerdings beobachten wir auch in Europa seit Jahresbeginn einen ganz klaren Aufwärtstrend.

mav: Anfang 2008 hatten Sie geplant, in Deutschland kräftig aufzubauen, mit neuen Standorten und Mitarbeitern. Haben Sie das so umsetzen können?

Herberger: Ja, wenngleich die Krise natürlich eine Verzögerung verursacht hat. Keiner investiert unter solchen Bedingungen in Gebäude. Deshalb liegen wir jetzt anderthalb Jahre hinter dem Plan. Aber wir haben die Anzahl unserer Mitarbeiter erhöht und in Düsseldorf wie auch in Leipzig Gelände gekauft. Dort beginnen wir noch in diesem Jahr mit dem Bau unserer beiden neuen Technologiezentren.

mav: Welche Produktneuheiten können wir in diesem Jahr von Ihnen erwarten?

Herberger: Wir werden insgesamt 44 neue Maschinenmodelle auf den Markt bringen, die vielfach eine komplett neue Technologie mitbringen.

mav: Was davon ist auf der AMB zu sehen?

Herberger: Welche Maschinen wir auf der AMB ausstellen, verraten wir im Vorfeld der Messe noch nicht. Aber es werden samt und sonders neue Maschinenmodelle sein.

mav: Es gibt aktuelle Beispiele für Kooperationen japanischer und europäischer Hersteller, das prominenteste sicher die zwischen Gildemeister und Mori Seiki. Ist etwas Derartiges auch für Mazak denkbar – etwa um Synergien in der Produktion zu finden?

Herberger: Eine Kooperation unter Zukauf von Komponenten, die dann nur zusammenmontiert werden, entspräche nicht unserer grundlegenden Philosophie, Qualität und Verfügbarkeit unserer Maschinen ständig zu verbessern. Im Gegensatz zu vielen Marktbegleitern haben wir eine sehr hohe Fertigungstiefe: Wir haben unsere eigene Spindelfabrik, unsere eigene Kugelgewindefabrik. Wir haben auch einen zweiten Geschäftsbereich für die Laserbearbeitung von Blech. Das Motto heißt ganz klar: Mazak-Maschinen werden mit Mazak-Maschinen gefertigt. Das Feedback an die Entwicklung kommt aus unserer eigenen Fertigung.

mav: Sie würden also keine Maschinen anderer Hersteller unter ihrem eigenen Label anbieten?

Herberger: Das würde nie geschehen.

mav: Verkaufen Sie umgekehrt Maschinenkomponenten an andere Hersteller, Spindeln zum Beispiel?

Herberger: Nein, wir produzieren nur für den Eigenbedarf. In einem durchschnittlichen Jahr bauen wir rund 1000 Maschinen pro Monat – da lohnt sich so eine eigene Spindelfabrik schon.

mav: Wie gehen Sie mit dem verstärkten Wettbewerb im Lowend um, etwa durch Hersteller wie Haas oder Fanuc Robodrill. Planen Sie eine Erweiterung Ihres Produktspektrums nach unten?

Herberger: Aus Preisgründen von unseren gewohnten Qualitätsansprüchen abzurücken, entspräche nicht unserer Philosophie. Nein, in den Lowend-Bereich werden wir nicht einsteigen.

mav: Von den Herstellern wird zunehmend Kompetenz für den kompletten Fertigungsprozess eingefordert. Manche Anbieter kooperieren, um eine vollständige Prozesskette auszuarbeiten. Welches Konzept hat Mazak?

Herberger: Unsere Position ist, dass wir dieses Know-how selbst besitzen, es ständig weiterentwickeln, auch in Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungsinstituten, und es unseren Kunden zur Verfügung stellen. Alle Erfahrungen und Anwendungsbeispiele sind in einer Datenbank gesammelt und über das firmeneigene Netzwerk zugänglich. Die Anwendungstechniker in Deutschland sind keine isolierte Gruppe, sondern können sich über eine entsprechende Fragestellung mit ihren weltweit agierenden Kollegen austauschen. Dieses Tool hat sich in der Vergangenheit bestens bewährt.

mav: Mit welchen Forschungseinrichtungen in Deutschland arbeiten Sie zusammen?

Herberger: Wir haben beispielweise eine Kooperation mit der RWTH Aachen getroffen, der wir eine Maschine zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt haben.

mav: Mit welchen Forschungsschwerpunkten?

Herberger: Es geht vor allem um Sensorik und um die intelligenten Funktionen an der Werkzeugmaschine – ein Thema, das wir seit einigen Jahren vorantreiben.

mav: Welche Vorteile bringen die so genannten I-Funktionen?

Herberger: Durch Funktionen wie Spindel- und Wartungsüberwachung kann die Maschine selbst detektieren, was notwendig ist, um größere Schäden zu vermeiden – ähnlich wie Servicefunktionen beim Auto. Die Maschine detektiert auch eigenständig die Wärmeentwicklung und sorgt für Kompensation, um gleichbleibende Genauigkeit und Qualität sicherzustellen.

mav: Werden denn alle I-Funktionen schon breit genutzt? Über den Sinn von Sprachfunktionen etwa wird diskutiert ...

Herberger: Die Sprachfunktionen sind auf jeden Fall nützlich. Der Bediener kann sich dadurch voll auf den Arbeitsraum konzentrieren, etwa beim Einrichten. Er muss nicht aufs Panel schauen, sondern bekommt verbal vermittelt, ob er den richtigen Knopf gedrückt hat.

mav: Ein Argument von Mazak für die Steigerung der Maschinenintelligenz ist ja auch der Mangel an Fachkräften. Hat sich das vor dem Hintergrund der jüngsten Wirtschaftsentwicklung relativiert?

Herberger: Auf keinen Fall. Wir entwickeln Maschinen für den globalen Markt, und nicht überall in der Welt finden Sie Facharbeiter mit dreijähriger Ausbildung. Für den Fall Deutschland relativiert sich das Argument möglicherweise. Andererseits kann man davon ausgehen, dass hier in Zukunft die qualitativ hochwertigen Werkstücke gefertigt werden, etwa für Medizintechnik oder Luftfahrtindustrie. Oder auch sehr teure Werkstücke, etwa für die Windenergie. Dort ist ein Rohling schon richtig teuer, und wenn der Maschinenbediener da einen Fehler macht, dann ist das ein Desaster.

mav: Das heißt, die I-Funktionen sind hierzulande gleichermaßen interessant, nur der Schwerpunkt liegt vielleicht anders?

Herberger: Genau.

mav: Mit der kürzlich vorgestellten Integrex J-Serie wollen Sie Anwendern einen kostengünstigen Einstieg in die Multitasking-Bearbeitung ermöglichen. Besteht nicht die Gefahr, dass die etablierte Integrex-Serie kannibalisiert wird?

Herberger: Die Gefahr sehe ich nicht. Die J-Serie hat eine ganz andere Zielgruppe von Kunden. Diese sollen zu einem guten Preis-Leistungsverhältnis die Möglichkeit erhalten, Werkstücke auf einer Maschinen komplett fertig zu bearbeiten. Sie müssen für Drehen und Fräsen nur noch einmal rüsten. Dadurch erhalten sie einen schnelleren Produktionsfluss, sie brauchen kein Zwischenlager mehr und ihre Stückkosten sinken. Wenn es allerdings in größere Serien reingeht, werden sie nach wie vor auf eine Integrex zurückgreifen müssen. Eine zweite Spindel, einen unteren Revolver oder eine B-Achse, die frei in allen Winkelpositionen anwendbar ist – all das gibt es bei der Integrex J-Serie eben nicht.

mav: Wie groß ist der Preisunterschied zwischen Integrex J-Serie und Integrex-Serie?

Herberger: Wenn Sie als Ausgangspunkt eine Drehmaschine des Typs Quickturn Nexus 200 MY nehmen, dann ist die Integrex J-Serie um 25 Prozent teurer, während man für das Integrex-Modell 65 Prozent mehr investieren muss.

mav: Der wachsende Stellenwert des Maschinendesigns ist auch bei den Mazak-Neuentwicklungen sichtbar. Wie entwickelt sich ihre Zusammenarbeit mit dem japanischen Star-Designer Ken Okuyama?

Herberger: Er hat unser gesamtes Maschinenprogramm unter die Lupe genommen und die rund 200 verschiedenen Maschinenmodelle in fünf Designgruppen aufgeteilt. Unsere Entwicklungsabteilung ist jetzt dabei, diese Ideen umzusetzen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Ergonomie: Wir wollen den Bedienern das Handling der Maschine so einfach wie möglich machen. Die Ergebnisse, die ich bislang gesehen habe, überzeugen mich sehr.

mav: Worin drücken sich die ergonomischen Verbesserungen aus?

Herberger: Die Maschinen bieten sehr gute Zugänglichkeit zum Werkstück, auch für das Beladen mit dem Kran. Das Sichtfenster zum Arbeitsraum wurde größer, der Monitor ebenfalls. Sämtliche Wartungseinheiten wurden in einer zentralen Wartungsinsel zusammengefasst, die dem Bediener Überblick über Schmieröl, Ventile und so weiter bietet. Bei der J-200 beispielsweise muss der Bediener nur noch drei Punkte an der Maschine ansteuern: Vorn den Arbeitsraum mit dem Bedienpanel, dann das Werkzeugmagazin, das nicht mehr hinter der Maschine, sondern gleich neben dem Arbeitsraum platziert wurde, und schließlich um die Ecke die Wartungsinsel.

mav: Bleibt das Problem, dass der Bediener die Mazatrol-Matrix-Steuerung erlernen muss ...

Herberger: Dass Mazak seine eigene Maschinensteuerung hat, wird immer kritisch betrachtet. Aber das zugrunde liegende Konzept der Werkstattprogrammierung hat sich als sehr schnell erlernbar erwiesen. Selbst bei Neukunden konnten wir durch ein fünftägiges Training in unseren Technologiezentren bisher allen Bedienern den Umgang auch mit unseren Multifunktionsmaschinen nahe bringen.

mav: In einem Fall sind Sie aber von dieser Strategie abgewichen ...

Herberger: Es gibt in der Tat ein Maschinenmodell, für das wir die Heidenhain-Steuerung anbieten: Eine VCN 510 CHU, für die diese Forderung aus dem Werkzeug- und Formenbau an uns herangetragen wurde.

mav: Vermutlich aus Deutschland, wo dieser Steuerungstyp im Werkzeug- und Formenbau besonders populär ist?

Herberger: Genau. Dies zeigt aber auch, wie stark der deutsche Markt beim japanischen Topmanagement berücksichtigt wird. Und wer weiß, wie sich die Steuerungsstrategie bei Mazak entwickeln wird ...

mav: Es könnte also künftig weitere Steuerungsoptionen geben?

Herberger: Das schließe ich nicht aus.

„Mazak-Maschinen werden mit Mazak-Maschinen gefertigt"

Das Interview führte Dr. Frank-Michael Kieß

09.09.2010


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