Alain Reynvoet, Managing Director, Haas Europe
mav: Seit Juli 2011 sind Sie neuer Europageschäftsführer von Haas Automation, warum wurde Peter Zierhut nach relativ kurzer Zeit auf dieser Position wieder abgelöst?
Reynvoet: 2009 musste ein Nachfolger für den damaligen Europachef Peter Hall benannt werden. In der damaligen sehr schwierigen Situation entschied man sich für Peter Zierhut, der bereits seit sehr langer Zeit im Unternehmen ist. Ich habe von Anfang an sehr eng mit ihm zusammengearbeitet, insbesondere was den Verkauf betrifft. Als dann im Mai 2011 die Entscheidung fiel, dass Peter Zierhut wieder an den Stammsitz des Unternehmens zurückkehrt, wurde ich gefragt.
mav: Welche Veränderungen treiben Sie in erster Linie voran?
Reynvoet: Seit Anfang 2011 haben wir unsere Verkaufsstrukturen nachhaltig verbessert. Grundlage der Veränderungen ist es, unseren starken Partnern in den HFOs (Haas Factory Outlets) mehr Verantwortung zu geben. Im konkreten Fall heißt das, dass in Einzelfällen auch HFOs zusammengelegt wurden. Daneben bemühen wir uns kontuierlich, die Qualität der Maschinen immer weiter zu verbessern.
mav: Gab es auch in Deutschland Veränderungen?
Reynvoet: Ja, aus bisher 9 Factory Outlets in Deutschland sind sieben geworden. Das heißt allerdings nicht, dass jetzt weniger Mitarbeiter sich um die Haas-Kunden kümmern. Im Gegenteil. So ist zum Beispiel im süddeutschen Raum Steffen Brück mit seiner Mannschaft zum HFO Katzenmaier hinzugekommen. Das bedeutet unter dem Strich: weniger Verwaltung, mehr Konzentration auf das Verkaufen, den Service, den Kunden.
Es ist unser Ziel, die Zusammenarbeit mit den Factory Outlets zu intensivieren. Wir möchten Händler, die sich ganz auf Haas konzentrieren und die Kundenbetreuung in unserem Sinne betreiben.
mav: Heißt das, dass es hier bislang Defizite gab?
Reynvoet: In der Vergangenheit hat Haas einen starken Fokus auf die Markenbildung gelegt, darauf, das Unternehmen, die Maschinen, eben die Marke Haas in Europa bekannt zu machen. Ich denke, das war sehr wichtig und auch sehr erfolgreich. Ich konzentriere mich nun stärker darauf, die Verbindung zwischen Haas und den Händlern und die Verbindung zwischen Händlern und Kunden zu intensivieren.
mav: Wäre es nicht gerade in Deutschland wichtig, den Kunden mehr individuelle Unterstützung anzubieten, zum Beispiel bei der Automatisierung der Maschinen?
Reynvoet: Doch, auf jeden Fall. Auch das gehört zur engeren Zusammenarbeit dazu. Von Haas wird es auch in Zukunft keine kundenindividuellen Lösungen geben. Wir sind ein Standardmaschinenbauer und werden das auch bleiben. Allerdings ist einer der Punkte, die wir uns von unseren Händlern wünschen, sich hier die Expertise zu erarbeiten, um ganz individuell auf Kunden eingehen zu können. Einzelne Händler, wie zum Beispiel das Haas Factory Outlet „Dreher" im schwäbischen Denkingen, machen das auch schon mit einem enormen Knowhow und Leistungsangebot. Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir möchten, dass unsere Händler Angebote um die Haas Werkzeugmaschine herum aufbauen.
mav: Ist Deutschland ein besonders schwieriger Markt für Haas?
Reynvoet: Deutschland ist nach Russland der zweitgrößte Haas-Markt in Europa. Unsere Erfahrung zeigt, dass Deutschland ein Schlüsselmarkt ist. Wenn es in Deutschland aufwärts geht, ziehen die umliegenden Länder mit, selbst wenn deren Gesamtsituation eigentlich schlechter ist. Es gibt so viele Zulieferteile für Produkte, die in Deutschland hergestellt werden, dass die Nachbarländer davon stark beeinflusst werden.
mav: Wenn Sie von Zulieferern sprechen, woran liegt es, dass Haas Maschinen weniger in der „harten" Serienproduktion, zum Beispiel im Automotive-Bereich, zu finden sind?
Reynvoet: Wenn es um die Produktion direkt beim Automobilhersteller geht, haben Sie Recht. Bei den Zulieferern sieht es anders aus, hier sind Werkzeugmaschinen von Haas durchaus weit verbreitet. Insgesamt sind unsere Kunden aber eher die kleineren Unternehmen wie Werkzeug- und Formenbauer und Lohnfertiger.
Wahrscheinlich spielen Sie darauf an, dass in Deutschland immer noch viele Menschen glauben, Haas mache Low-cost-Maschinen, die nicht für anspruchsvolle Fertigungsaufgaben geeignet seien. Diese Vorstellung ist falsch. Haas stellt Maschinen mit einem exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnis her, die in der Lage sind, über 80 Prozent aller Teile überhaupt zu fertigen.
mav: Woher kommt denn bisweilen die Skepsis gegenüber Haas?
Reynvoet: Ich denke, dass Lohnfertiger in Europa häufig auf teure, komplexe Lösungen setzen, auch dann, wenn es eine einfache und wirtschaftliche Alternative gibt.
Deutsche Lohnfertiger sind eher auf deutsche Maschinen fokussiert, das macht die Sache für uns nicht gerade leichter. Dabei werden unsere Maschinen mit höchster Fertigungstiefe an unserem einzigen Produktionsstandort in Oxnard, Kalifornien, produziert. Sämtliche Zukaufteile wie Kugelrollspindeln, Lager etcetera werden bei den selben deutschen oder japanischen Lieferanten eingekauft, bei denen deutsche Hersteller ihre Komponenten auch beziehen.
Allein in Europa wurden in den letzten 10 Jahren über 16 700 Haas-Maschinen verkauft.
mav: Gegen ein gutes Preis-Leistungsverhältnis kann ein Kunde ja kaum etwas haben, wie sieht es in der Produktion beim Endanwender denn mit der Qualität tatsächlich aus, zum Beispiel mit der Dauergenauigkeit der Maschinen?
Reynvoet: Es gehört bei Haas seit der Gründung des Unternehmens vor 30 Jahren zum Konzept, dass wir uns verbessern wollen, stetig und so schnell wie möglich. Wenn man sich heute eine VF1 anschaut, dann hat sie mit der Maschine, die als erste Haas Maschine vor 30 Jahren auf den Markt kam, nichts mehr gemein. Und auch ein Haas-Kunde, der vor 5 bis 6 Jahren seine letzte Maschine gekauft hat, kann sich kaum vorstellen, wie schnell die Entwicklung seither vorangegangen ist.
Wir sammeln alle Rückmeldungen unserer Kunden und werten sie sehr genau aus. Die Dinge, die besonders häufig bemängelt werden, kommen auf eine Liste und werden den Konstrukteuren als Aufgabe gestellt. Sie müssen dafür sorgen, dass die genannten Punkte im nächsten Jahr von der Liste verschwunden, oder zumindest deutlich weiter nach unten gerutscht sind. Auf dieser Liste steht die von Ihnen genannte Dauergenauigkeit der Maschinen im Moment ganz weit oben.
mav: Welche Maschinenparameter sollen darüber hinaus verbessert werden?
Reynvoet: Die Stabilität, die Spindelleistungen und ganz allgemein Dinge, die die Produktivität und die Qualität der Maschinen erhöhen. Gene Haas hat gesagt, er möchte in fünf Jahren Maschinen anbieten, die dem Qualitäts-Vergleich mit japanischen Herstellern standhalten. Genau daran arbeiten die Haas-Entwickler und -Konstrukteure mit Hochdruck.
mav: Wie sieht es mit aktuellen Neuvorstellungen aus, wie haben die Kunden auf das Drehzentrum DS30Y reagiert?
Reynvoet: Kunden, die bereits mit Hass Maschinen arbeiten, sind offen und sehr interessiert. Wir haben schon etliche DS30Y verkauft. Die Maschinen sind ausgereift und laufen ohne Probleme. Unser Ziel war es aber auch, mit der Maschine neue Kunden anzusprechen. Und da merken wir, dass wir bislang in diesem Maschinensegment noch nicht so als Partner wahrgenommen werden. Es gibt also noch einiges zu tun.
mav: Wie sieht es mit dem neu vorgestellten Bearbeitungszentrum UMC750 aus?
Reynvoet: Mit dieser Maschine reagieren wir auf den in Europa sehr häufig geäußerten Wunsch, ein Teil in einer Aufspannung von 5-Seiten komplett fertig bearbeiten zu können. Die Baureihe werden wir weiter ausbauen, unter anderem für die echte 5-Achs-Simultanbearbeitung. Außerdem werden wir die Maschine mit Palettenwechsler anbieten.
mav: Auf der EMO hat Haas-CEO Bob Murray einen Umsatz von 800 Millionen Dollar für 2011 angekündigt, wurde dieses Ziel erreicht?
Reynvoet: Es wurde sogar noch etwas übertroffen. Für 2012 steuern wir 1 Milliarde US-Dollar an.
mav: Wie ist die aktuelle Entwicklung?
Reynvoet: Haas baut im Moment 1200 bis 1300 Maschinen im Monat. Für 2012 gehen wir sowohl in Europa als auch weltweit wieder von einem zweistelligen Umsatzwachstum aus. Haas schaut nach vorn, die fünfte Produktionshalle in Oxnard ist gerade fertig geworden, die sechste bereits in Planung. Insgesamt verfügt Haas Automation zur Zeit über eine Produktionsfläche von 100 000 Quadratmeter.
„Haas stellt Maschinen mit exzellentem Preis-Leistungs-Verhältnis her, die in der Lage sind, über 80 Prozent aller Teile zu fertigen!"
Das Interview führte Holger Röhr
